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Vertrauen in sich und die Welt

Aus der Reihe „Wertvolle Kinder“: Warum wir Babys nicht schreien und nicht allein schlafen lassen sollten.

Es war ein interessanter, rasanter und streckenweise emotionaler Vortrag, den die Bindungsforscherin Fabienne Becker-Stoll in der Reihe „Wertvolle Kinder“ im Medienhaus vor einem größtenteils jungen Publikum hielt.

Babys kann man nicht verwöhnen

Alles beginnt mit der liebevollen, feinfühligen Zuwendung, die Babys in den ersten Lebensmonaten erfahren und die sie für ihr ganzes weiteres Leben prägt. In der von Erik Erikson so bezeichneten „ersten Lebensphase“ erwerben Babys Urvertrauen – indem sie eine sichere Bindung zu einer Person, die sich dauerhaft um sie kümmert, aufbauen. Maßgeblich sei dabei „eine prompte und angemessene Reaktion auf die Signale des Babys“. „Das bedeutet auch, Babys nicht schreien zu lassen“, so die Psychologin und Leiterin des Staatsinstituts für Frühpädagogikin München. Vehement dementierte Becker-Stoll die nach wie vor weit verbreitete Annahme, Babys zu verwöhnen, wenn man allzu schnell auf ihr Schreien reagiert. Weinen sei die einzige Möglichkeit des Neugeborenen, Bindung herzustellen. Darüber hinaus würden Studien zeigen, dass Säuglinge, deren Eltern in den ersten drei Monaten jeweils sofort auf ihr Weinen reagierten, danach wesentlich weniger weinten als Babys, die man schreien ließ oder erst dann handelte, wenn sie brüllten.

Babys brauchen Nähe statt Schlaftrainings

Auch von „Durchschlaftrainings“ rät Becker-Stoll dringend ab. Neugeborene seien „ganz schlechte Schläfer“, die sich immer wieder versichern müssten, dass alles in Ordnung ist. „Es ist von der Natur nicht vorgesehen, dass Babys in einem separaten Zimmer getrennt von ihren Eltern schlafen“, plädiert die Familienforscherin für Körpernähe und dafür, diese gemeinsame Zeit zu genießen.

Feinfühliges Verhalten verändert Gehirn des Babys

Eine sichere Bindung bestimmt, wie Kinder sich selbst und die Welt sehen, ob sie sich selbst als liebenswert empfinden, andere als zugewandt und zuverlässig erleben. Grundlegendes Vertrauen wird verinnerlicht. Dieses „Urvertrauen“ bildet die Grundlage für das sogenannte „Explorationsverhalten“ und damit allen Lernens. Während Mütter eher das Bindungsverhalten des Kindes unterstützen, fördern Väter das Explorationsverhalten ihrer Sprösslinge, indem sie mehr mit ihnen spielen. „Das gleichzeitige Erleben von verschiedenen Sinneseindrücken eingebettet in die erste große Liebe“ verändert nach Becker-Stoll auch die Gehirnstrukturen und -synapsen des Babys.

Eingewöhnung als Qualitätsstandard

Becker-Stoll thematisierte darüber hinaus die kontrovers diskutierte außerhäusliche Betreuung von Kleinkindern. Wenn Babys oder Kleinkinder 40 h die Woche eventuell noch mit Übernachtung z. B. von einer Tagesmutter betreut werden, bauen sie zu ihr eine primäre Bindungsbeziehung auf. „Eine Trennung von dieser Person beispielsweise durch einen Wechsel der Betreuungsform führt dann zu schweren Trauerreaktionen und großem seelischen Leid“, gibt Becker-Stoll zu bedenken. In Spielgruppen und Krippen sollte die Eingewöhnungsphase als Qualitätsstandard definiert sein. „Das kleine Kind muss lernen, Vertrauen zu einer Bezugserzieherin zu fassen, damit eine tragfähige, sichere Erzieher(in)-Kind-Bindung möglich wird.“ Wesentlich seien dabei eine ritualisierte Verabschiedung und Begrüßung und dass die Eingewöhnung mit viel Sorgfalt und gemeinsamer Planung durchgeführt wird.

Neue Erfahrungen schaffen neues Vertrauen

Das Baby baut Bindungsbeziehungen auf: zuerst zu einer Person, dann zu zwei, vielleicht drei Personen. Das Geschlecht spielt dabei keine Rolle, das Alter insofern, als die Bezugsperson in der Lage sein muss, das Baby zu versorgen. Auch Verwandtschaftsverhältnis braucht es keines. Dafür wie beschrieben liebevolle Zuwendung, sofortiges, adäquates Reagieren auf die Signale des Babys, viel Körperkontakt und Zärtlichkeit. Fehlen diese Voraussetzungen für eine positive Entwicklung in den ersten beiden Lebensjahren völlig und hatte das Baby nicht die Möglichkeit, eine sichere Bindung aufzubauen, ist dies auch danach sehr schwierig. Generell gilt jedoch: Es heißt nicht, dass jemand, der einmal sicher gebunden ist, dies auf ewige Zeiten bleibt, und jemand, der es nicht war, nie sein wird: Neue Beziehungserfahrungen beispielsweise durch Freunde oder Schwiegereltern können das Bindungsverhalten nachhaltig positiv beeinflussen.

Autorin: Christine Flatz-Posch, Vorarlberger Kinderdorf

Der nächste Vortrag in der Reihe „Wertvolle Kinder“:

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