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Unsere Babys brauchen Stillen, Tragen & Co

„Wertvolle Kinder“: Babys kommen auch heute mit steinzeitlichen Bedürfnissen auf die Welt.

Eine Tatsache, die laut dem Verhaltensbiologen Dr. Joachim Bensel in den westlichen Industrienationen weitgehend aus den Augen verloren wurde. Bensel eröffnete seinen Vortrag im Rahmen der Reihe „Wertvolle Kinder“ im Vorarlberger Kinderdorf Kronhalde mit einem Blick zurück: War die Hausgeburt in den 50ern noch selbstverständlich, wurden Babys ab den 60er Jahren pünktlich zum errechneten Geburtstermin – häufig unter Narkose – im OP auf die Welt geholt. Fütterung und Säuberung „am Fließband“ statt emotionaler Zuwendung standen im Vordergrund. Stillen galt als unhygienisch.

Babys sind „Traglinge“

Angesichts umfassender medizinischer Fortschritte seien die Bedürfnisse unserer Babys aus dem Blick geraten. Was Babys nämlich wirklich erwarten, sind eine schnelle und passende Reaktion, (Trost)-Saugen nach Bedarf und viel Körperkontakt auch in der Nacht. So sind Neugeborene laut Bensel aktive „Traglinge“. Ihre „Spreiz-Anhock-Reaktion“ prädestiniere sie für den Hüftsitz. „Das Baby rechnet damit, auf die Hüfte gesetzt zu werden. Dies entspringt seinem angeborenen Bedürfnis nach Schutz, Sicherheit und Nähe“, führte Bensel aus. Was Babys allerdings weitgehend vorfänden, sei das genaue Gegenteil: eine verzögerte Reaktion auf ihre Signale bis zum „Ausschreien lassen“, Stillen nach Plan und wenig Körperkontakt. „Kinder werden im Wagen geschoben, liegen in separaten Kinderzimmern und müssen ohne Berührung einschlafen.“ Diese „fehlende Passung“ brachte auch die Freiburger Säuglingsstudie zutage, an der 103 Mütter mit ihren Babys teilnahmen.

Alle Babys schreien

Zuerst einmal: Alle Babys schreien, wenn sie ein Bedürfnis haben – und das in den ersten Wochen im Mittel 1,5 Stunden am Tag. Dieses Schreien ist ein sinnvoller Appell an die Bezugspersonen und „ein Baby, auf das reagiert wird, erlebt, dass es selbst-wirksam ist“. „Nicht normal ist exzessives Schreien, das erschöpfend für Mutter und Kind ist und das Misshandlungsrisiko stark erhöht.“ Über 90.000 Neugeborene in Deutschland sind laut Bensel „Schreibabys“.

Mütter fühlen sich zu wenig unterstützt

Die Forscher der Freiburger Studie fanden einen Zusammenhang zwischen der Zufriedenheit und Gesundheit der Babys und der Situation der Mütter während des Wochenbetts. Mütter, die ihr Wochenbett im Spital verbrachten, hatten doppelt so häufig eine Wochenbettdepression und „Heultage“. Deutlich weniger davon betroffen waren Mütter, die zuhause oder ambulant entbunden haben. Ausschlaggebend war dabei das subjektive Empfinden der Mutter. Der Spitalsaufenthalt nach der Geburt wurde nur dann als positiv erlebt, wenn „echtes Rooming-In“ möglich war, also die Babys durchgehend bei der Mutter waren. Es erstaunt denn auch nicht, dass die Babys der zufriedenen Mütter weit weniger schrien und gesünder waren, als jene, deren Mütter sich bei Geburt, Schwangerschaft und Wochenbett wenig unterstützt und begleitet fühlten.

Babys sind „Kollektivbrütler“

Auch bei der Betreuung der Kinder würden sich Mütter mehr Unterstützung wünschen. Im Vergleich mit traditionalen Gesellschaften fehle die vertrauensvolle Einbindung in die Gemeinschaft. Bensel zitierte das afrikanische Sprichwort „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen“, um auszuführen, dass „der Mensch nicht dazu gemacht ist, Kinder alleine zu betreuen“. Als „Kollektivbrütler“ bräuchten Kinder einen Pflegeverbund, um die anspruchsvolle und lange Kindheitsphase zu bewältigen. Auch die Erziehungsansätze sind im Kulturenvergleich sehr unterschiedlich: Während in Deutschland bzw. Österreich Blick- und Sprach-, jedoch wenig körperliche Stimulation den Umgang mit Säuglingen prägen, ist dies in Afrika genau umgekehrt. So entwickeln österreichische Kinder viel früher ein Selbstbewusstsein bzw. Ich-Autonomie, während afrikanische Kinder in ihrer motorischen Entwicklung voraus sind.   

Gibt es einen richtigen Weg?

Im Vergleich der Kulturen und Erziehungsansätze gäbe es nicht „den einen richtigen Weg“: Bensel plädierte abschließend vielmehr dafür, die verschiedenen Kulturen stärker wahrzunehmen und ihre sozialisatorischen Ziele kennen zu lernen. „Wir müssen uns die Frage stellen, ob wir allen das gleiche kulturelle Modell aufoktroyieren wollen.“

Mehr Infos: www.verhaltensbiologie.com

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