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Geschwister: Vertraute und Rivalen

„Wertvolle Kinder“: Hartmut Kasten räumte mit manchem Klischee auf.

Die Verknüpfung der Platzierung in der Geschwisterreihe mit spezifischen Charaktereigenschaften ist uralt – und mittlerweile auf dem Friedhof der Forschung begraben, so der klinische Psychologe, Psychotherapeut und Frühpädagoge Hartmut Kasten, der im Rahmen der Reihe „Wertvolle Kinder“ im Terminal V von Hefel Wohnbau in Lauterach referierte. „Eltern verzichten in ihrer Erziehung zunehmend auf Etikettierungen und erkennen Kinder in ihrer Individualität. Damit spielt der Rangplatz der Geburt für bestimmte Persönlichkeitsmerkmale keine Rolle mehr.“ Verschwindend gering sind laut dem Status quo der Forschung auch die Unterschiede zwischen Geschwister- und Einzelkindern, groß sei jedoch der Einfluss von Peer Groups bereits im Kindergarten.

Jeder ist seines eigenen Charakters Schmied

Klischeehafte Zuschreibungen verlieren in unserer Leistungs- und Informationsgesellschaft an Bedeutung. Wertewandel, Erziehung zum Selbstwert und zu Selbstverwirklichung bringen auch das Bemühen der Eltern mit sich, ihre Kinder gerecht, wenn auch nicht gleich zu behandeln. „Gleich behandeln geht nicht“, konstatierte Kasten. „Kinder sind allein schon aufgrund ihres Alters und Geschlechts verschieden. Es geht darum, hinzuhören, was in Kindern steckt, mit Augenmaß versuchen gerecht zu sein.“

Geschwisterbeziehungen sind immer ambivalent

Sie sind geprägt von positiven wie negativen Gefühlen, die gleichzeitig vorhanden sind. Diese Zwiespältigkeit wirke stärker bei Geschlechtsgleichheit und geringem Altersabstand der Geschwisterkinder. Ideal sei, so der Geschwisterforscher, ein Altersabstand von drei Jahren. „Positiv ist die Nähe und Vertrautheit von Geschwistern. Neid, Eifersucht, gar Hass ist die dunkle Seite in Geschwisterbeziehungen, die aus permanemtem Vergleichen resultiert.“ Offenheit, Ehrlichkeit, als Eltern die Antennen schärfen, wenn ein Kind dauerhaft eifert und sich gegebenenfalls Hilfe holen – der Experte rät dazu, das negative Potenzial nicht unter den Teppich zu kehren. „Sonst kommt es irgendwann zur explosionsartigen Entladung.“

Geschwister haben füreinander da zu sein

Diese ungeschriebene Erwartung ist der Kitt, der Geschwisterbeziehungen zusammenhält. Angesichts sinkender Geburtenzahlen – 40% der österreichischen Haushalte sind mittlerweile kinderlos – gewinnen die schicksalshaften Geschwisterbeziehungen an Bedeutung. „Sie sind ein kostbares Gut, das gepflegt werden muss.“ Zum Abschluss richtete Kasten noch den pädagogischen Zeigefinger an die anwesenden Eltern: „Tun Sie von Anfang an das Ihre, damit Ihre Kinder eine Versöhnungs- und Streitkultur und damit essentielle Soft Skills fürs Leben entwickeln können.“

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