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„Man kann immer etwas besser machen"

Glückliche Scheidungskinder oder was Kinder nach einer Trennung brauchen.

Vor zehn Jahren ging Monika Czernins eigene Ehe in die Brüche und eben zu diesem Zeitpunkt die erste Auflage des gemeinsam mit Remo Largo verfassten Buchs „Glückliche Scheidungskinder“ in Druck. Ein Titel, der damals weit mehr provoziert habe als heute, meint die Familienberaterin, die das Thema „Scheidung“ weitgehend enttabuisiert sieht. Manche Konventionen hätten sich zwischenzeitlich etabliert: dass beide Eltern für die Kinder wichtig sind beispielsweise und der jeweils andere Elternteil nicht schlecht gemacht werden sollte. Auch in punkto Hilfsangeboten und Familienrecht habe sich einiges getan. Gleichbleibend hoch sind allerdings die Scheidungszahlen, die in Österreich bei etwa 47 Prozent liegen. Ca. 21.000 Minderjährige werden jährlich zu Scheidungskindern. Eine Realität, an der sich laut der Autorin auch künftig nichts ändern werde. „Fast jede zweite Partnerschaft geht in die Brüche, aber die Elternschaft bleibt erhalten“, konstatierte die Familienberaterin zu Beginn ihres Vortrags im Rahmen der Reihe „Wertvolle Kinder“ im Vorarlberger Kinderdorf Kronhalde.

Kinder brauchen keine perfekten Eltern

Als Mutter einer Tochter und Familiencoach geht Czernin privat und beruflich der Frage nach, worauf es ankommt, dass Kinder trotz einer Trennung ihrer Eltern glücklich aufwachsen können. Nicht das Familienmodell sei dabei entscheidend, sondern die Tatsache, ob die Bedürfnisse der Kinder wahrgenommen und die Beziehungen intakt sind bzw. wieder in Ordnung kommen. „Kein leichtes Unterfangen“, gesteht Czernin ein und sprach damit wohl vielen der Anwesenden aus der Seele. „Eine Scheidung ist für die Eltern vor allem emotional eine große Krise.“ Ihr Ansatz sei somit als Prozess zu sehen: „Man kann immer wieder etwas neu und besser machen. Kinder brauchen und erwarten keine perfekten Eltern, aber solche, die sich Zeit für sie nehmen.“

Individuelles Umgangsmodell

Es gelte, Kinder in den Mittelpunkt aller Überlegungen zu stellen. Und dies möglichst frühzeitig und nicht erst, wenn die Gefühle hochkochen, rät Czernin. Eltern sollten sich vor der Trennung klar werden, wie es bisher war, was sich ändern und wer wann für die Kinder da sein wird. Ziel ist die Erarbeitung eines „individuellen Umgangsmodells“, bei dem die Grundbedürfnisse der Kinder nach Geborgenheit, sozialer Akzeptanz und Entwicklung befriedigt sind. Wohl jede Trennung geht mit tiefgreifenden Verletzungen einher. Oft muss jedoch nicht nur das Gefühlsleben, sondern auch der der Alltag völlig neu geordnet werden, finanzielle Engpässe überbrückt, Schul- und Wohnortwechsel gemanagt, die berufliche Perspektive überdacht werden. Dabei die Bedürfnisse der Kinder nie aus dem Blick zu verlieren, erfordere auch Disziplin.

Verlassen werden als größte Angst der Kinder

Das Allerwichtigste bei allem: „Kinder müssen die Erfahrung machen, dass Eltern und Bezugspersonen weiter für sie da sind.“ Denn: „Verlassenheit ist die größte Angst, die Kinder umtreibt“, so die Expertin. Deshalb sei es auch wenig zweckmäßig, Kindern die Gründe für eine Trennung zu erklären. „Kinder haben bis zur Pubertät ein völlig anderes Liebeskonzept. Die Liebe zu den Eltern ist für sie unverbrüderlich, unaufhörlich.“ Sie könnten deshalb auch mit Begründungen à la „Wir lieben uns nicht mehr“ nur wenig anfangen. „Beziehung“ lautet das Zauberwort: „Die Beziehungen – auch jene zwischen Vater und Mutter – sollten wieder gut werden.“ Zumindest so gut, dass ein respektvoller Umgang miteinander möglich ist. „Kein Gericht oder Anwalt der Welt kann Ihnen die Verantwortung abnehmen, den Streit zu beenden und Ihrem Kind den Kontakt zu beiden Elternteilen zu ermöglichen“, plädiert Czernin für ein möglichst friedliches Miteinander, wenn nötig auch in einer „Politik der kleinen Schritte“, denn: „Streit beeinträchtigt Kinder am meisten, sie fühlen sich dann nicht geliebt und schuldig.“ Vor allem Schulkinder würden oft unter Schuldgefühlen gerade dem getrennt lebenden Elternteil gegenüber leiden.

Geteiltes Unglück oder neues Glück

Möglichst intakt sollten auch die Beziehungen zu anderen Bezugspersonen wie den Großeltern bleiben: „Es ist wichtig, dass die Großeltern nicht Partei ergreifen, sondern weiter für die Kinder da sind. Kinder brauchen diesen Rückhalt.“ Dies sei ebenso für die Eltern entlastend. Überhaupt sollten sich diese angesichts der großen emotionalen und oft auch finanziellen Herausforderungen, die eine Scheidung mit sich bringt, Hilfe und Rückenstärkung holen. „Den Kindern kann es nur gut gehen, wenn es den Eltern gut geht.“ Eltern, die ihr Glück mit einem neuen Partner versuchen, müssen sich bewusst sein, dass diese erst einmal eine Bedrohung für die Kinder bedeuten. „Neue Partner sind eine Zeit lang das siebte Rad am Wagen und müssen damit leben, dass sie sich eine Beziehung zum Kind erst erarbeiten müssen“, erklärt Monika Czernin.

Immer eine Chance

Zum Abschluss gab Czernin den Anwesenden den Appell ihrer eigenen, von Scheidung betroffenen Tochter mit auf den Weg: „Bitte verhelft uns zu einem positiven Bild unserer Kindheit und ermutigt uns, dass wir beide Elternteile lieben dürfen.“ Betroffene Kinder und gerade auch Jugendliche nicht in Loyalitätskonflikte zu bringen, das legte eine 17-jährige Besucherin in ihrer Wortmeldung den Anwesenden nahe: „Ich bitte die Eltern darum, ihre Kinder nicht als Partnerersatz zu missbrauchen und mit ihnen Dinge zu besprechen, die den jeweils anderen Elternteil betreffen." Ermutigung gab’s dann schließlich noch seitens der Referentin: „Es besteht immer die Chance, etwas Gutes zu machen und die Dinge zum Positiven zu wenden.“

Literaturtipp: Glückliche Scheidungskinder: Was Kinder nach der Trennung brauchen, Remo H. Largo, Monika Czernin, 2014

In der Vokithek den gesamten Vortrag und die anschließende Publikumsdiskussion anhören

Autorin:

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