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„Die Zukunft kann mich mal“

„Wertvolle Kinder“: Jugend erschöpft von „always on“ und Zwang zur Selbstoptimierung.

Sind heutige Jugendliche Träger neuer Hoffnung oder eines Rucksacks von Problemen, die Erfolgsmenschen von morgen oder Kinder der Krise? „Beides“, erklärte die Jugendforscherin Beate Großegger in der Reihe „Wertvolle Kinder“, diesmal bei Russmedia in Schwarzach. „Jugend ist immer auch ein Produkt gesellschaftlicher Strukturen.“ Oder, um es plakativ auszudrücken: Jede Gesellschaft hat die Jugend, die sie verdient.

An der Bruchkante

Zwischen bunten Lifestyle-Welten und stagnierendem Wohlstandswachstum würden Jugendliche „an der Bruchkante von Altem und ungewissem Neuen“ leben – im Unsicherheitsvakuum sozusagen, zusätzlich unter Druck durch einen prognostizierten „Fahrstuhleffekt nach unten“, nach dem eine ganze Generation nicht mehr erwarten darf als ihre Eltern, sondern sich auf weniger einstellen muss.

Ein bisschen Angst habe ich schon . . .

Verunsichert, angepasst, planlos, erfolgsorientiert und erschöpft – so sieht ein Großteil der 16- bis 29-jährigen ÖsterreicherInnen ihre eigene Generation nach neuesten Umfragen des Instituts für Jugendforschung. „Das Leben wird schneller und härter“, so die Kommunikationswissenschaftlerin im Hinblick auf eine zunehmende Verdichtung der Anforderungen, digitalen Stress und „Informations-overflow“, denn: „Always on“ mutiere längst vom Spiel zum Zwang. Das Ziel: maximale Selbst-Optimierung und immer mehr in immer kürzerer Zeit erreichen. Dabei wirke auch das Zeitphänomen der „Gegenwartschrumpfung“. Was heute gültig ist, kann morgen ohnehin schon wieder überholt sein. Die Konsequenz sei eine radikale Gegenwartsorientierung statt Zukunftsplanung nach dem Motto: „Ein bisschen Angst habe ich schon, aber die Zukunft kann mich mal!“

Jugend: kein Schonraum mehr

Beate Großegger zeichnete ein düsteres, zumindest irritierendes Bild der heutigen Jugend, die betroffen ist von zunehmendem Druck und Stress, bis hin zum „erschöpften Selbst“, dem Burnout als neuer Volkskrankheit. „Fordern und fördern“ heiße die Devise, die schon bei Kindern ihre Spuren hinterlässt und einen enormen Erwartungsdruck erzeuge. Viele der 10- bis 14-Jährigen seien der Meinung, dass sie nur geliebt werden, wenn sie gute Noten bringen. „Bislang ging es darum, sich Optionen offenzuhalten“, konstatierte Großegger. „Heute müssen Jugendliche Möglichkeiten, die sich bieten, offensiv nutzen. Schwächeren wird vermittelt, dass sie sich mehr anstrengen müssen.“ Jugend werde nicht mehr als Schonraum, sondern als Transitionsphase mit dem Ziel eines optimierten Übergangs ins Erwachsenenleben gesehen. „Man gesteht Jugendlichen nur wenig aktiven Part zu, sieht sie als Adressaten gesellschaftlicher Werte und Einstellungen.“

Chancen für alle, vor allem aber für mich

In der Konkurrenz- und Wettbewerbsgesellschaft sind Werte nach Großegger in der Zeitmaschine. Autonomie heiße heute vor allem „die Freiheit, das eigene Ding zu machen“. Toleranz ist okay, solange man nicht selbst um Lebenschancen betrogen wird. Gekämpft wird nicht für eine bessere Welt, sondern um sich selbst durchzusetzen. Am Ball bleiben ist ständige Herausforderung. „Man hält sich alles offen, legt sich nicht fest, erfindet sich immer wieder neu.“

Keine Ressourcen für gar nichts

Dabei sind Jugendliche heute auch noch Sklaven einer Medienwelt, in der die Social-Media-Portale als Probebühnen der Selbstinszenierung fungieren. Die Kinder der Erfolgsgesellschaft müssten nicht nur Leistung erbringen, sondern diese auch noch entsprechend verkaufen können. Mühsam, das Ganze, das doch nur zu „rasendem Stillstand“ führe, „denn wenn alles schnell gehen muss, bleibt kein Spielraum, um mit neuen Ideen und Konzepten zu experimentieren, keine Energie, um sich zu engagieren“.

Normal ist das neue Cool

Trotz allem ließen sich auch zarte Pflanzen einer jugendlichen Gegenkultur ausmachen, in der „Normal das neue Cool“ ist und die von der Sehnsucht nach einem nicht-Lifestyle-optimierten Leben zeuge, von „Silence yourself“ statt immer mehr und besser. Dies könne man sich nach Großegger durchaus zu Herzen nehmen – „um auch die querdenkerischen und kritischen Potenziale zu hören und zu spüren, die in unserer Jugend schlummern“.

Infos: www.jugendkultur.at

 Autorin:

Den Vortrag von Beate Großegger vom Institut für Jugendkultur in der Vokithek nachhören

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