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Von Machtspielen und Missverständnissen

Wertvolle Kinder: Roland Reichenbach über eine Als-ob-Kultur, in der Erwachsene immer weniger wissen, was sie an ihre Kinder weitergeben wollen.

„Macht ist die Fähigkeit, bei einem anderen ein Verhalten zu bewirken, das dieser nicht freiwillig zeigen würde.“ Laut dieser Begriffsdefinition von Max Weber hätten Eltern ebenso wenig wie Pädagogen immer alle Macht auf ihrer Seite. Dies stellte Roland Reichenbach zu Beginn seines Vortrags in der Reihe „Wertvolle Kinder“ in den Raum. „Macht“ wie „Autorität“ stünden in schlechtem Ruf und seien von Missverständnissen umgeben. Zu Unrecht, findet der Zürcher Erziehungswissenschaftler, seien doch Handlungsanweisungen in Erziehung und Unterricht unumgänglich. „Befehl und Gehorsam sind verpönt, unanständig, aber doch irgendwie nötig. Deshalb werden Sie kaschiert, mit Fragen und Aufforderungen ummantelt“, so Reichenbach. „Wir tun, als wären wir alle gleich. Aber: Wer gehorchen muss, kann nicht zustimmen.“ Sehr schnell stoße dann auch unsere Argumentationsintegrität an ihre Grenzen, wenn es nicht gelinge, Kinder zum gewünschten Verhalten „freiwillig und aus Einsicht“ zu bewegen. Und dies sei eben meist der Fall.

Pädagogischer Sloganismus

„Es lohnt sich, zu hinterfragen, warum wir Autorität so ablehnend gegen überstehen.“ Dabei würde mehr Einblick in andere Erziehungssysteme uns nicht schlecht zu Gesicht stehen. Reichenbach warf den Blick nach Frankreich, wo 98 Prozent der Kinder ab drei Jahren von 8.30 bis 16.30 Uhr in der Schule wären und Autorität bei weitem nicht mit derart negativen Assoziationen wie im deutschsprachigen Raum belegt sei. Ein wenig nahm der Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Zürich dann auch die pädagogische Rhetorik aufs Korn, die mit Formulierungen wie „aktives Lernen“, „lebendiges Lernen statt Stoffvermittlung“, „Lernprozesse begleiten“, „Beziehung statt Erziehung“ oder „Unterstützung statt Belehrung“ gespickt sei und die Schule als Ort propagiere, wo sich Kinder ihre eigene Welt kreieren könnten. Diese eigentlich inhaltslosen Slogans würden viel über eine Erwachsenenwelt aussagen, die nicht mehr recht wisse, was sie eigentlich an ihre Kinder weitergeben will. Reichenbach gab weiter zu bedenken, dass die Schule „ein Ort der Vermittlung von Wissen und gemeinsamer kultureller Inhalte“ sei. „Es geht nicht nur um das eigene Kind, es geht auch um alle anderen Kinder.“

Autoritätsverlust kein automatischer Freiheitsgewinn

„Wir haben uns angewöhnt, alle als gleichberechtigt zu behandeln, alles muss partnerschaftlich ablaufen. Und wir haben Schwierigkeiten, Unterschiede und Ambivalenzen anzuerkennen.“ Die Wirklichkeit jedoch schaue anders aus. „Trotzdem stehe ich hinter diesem Schauspiel, das wichtig ist für eine anständige Gesellschaft.“ Autorität zu verleugnen sei dabei jedoch kein gangbarer Weg. „Ein Lehrer braucht sehr wohl Fachautorität. Er muss den Unterricht souverän leiten, also Störungen vorbeugen und auf die Einhaltung verbindlicher Regeln achten können.“ Zudem sei es keineswegs so, dass weniger Autorität mehr Freiheit, sondern im Gegenteil mehr Unsicherheit bedeute. „Autorität und Freiheit sind keine Gegensätze“, so Reichenbach, der damit Hanna Arendt mehr als einmal ins Spiel brachte.

Eltern sind auch nur Menschen

Kinder seien „große Realisten“ und „bereit, zuzuhören und sich etwas sagen zu lassen“. Auch würden sie von einer Erwachsenenwelt profitieren, die „nicht immer nur souverän und pädagogisch korrekt ist. Kinder brauchen die Erfahrung, dass auch die Erwachsenen verletzlich sind und durcheinander gebracht werden können“. „Wir alle kommen irgendwann in der Erziehung an unsere Grenzen“, konstatierte Reichenbach. Geduld sei eine wichtige pädagogische Tugend, ebenso wie „nicht verzweifeln, immer wieder neue Versuche machen und verzeihen“ – und dies mit der Einstellung, dass „bestimmte Probleme nicht gelöst, sondern nur geteilt werden können“.

Bildung ist ein Horizont

Erst in der anschließenden Diskussion ging Reichenbach dann nochmals auf den Begriff „Vertrauen“ ein. „Vertrauen bedeutet, dass man es glaubt, obwohl man es nicht weiß“, was im Unterricht pädagogische Ethik vorsetze, „da Kinder nicht wissen können, ob sie ver- oder geführt werden“. Grundsätzlich komme niemand darum herum, „zu üben, üben, üben“ – „egal, ob du willst oder nicht“ – und dabei die Schönheit der Welt und des Lernens zu sehen, eine Leidenschaft zu entwickeln. Denn: „Bildung ist kein Arsenal, sondern ein Horizont.“

Autorin:

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