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Stress killt Feinfühligkeit

Vortrag von Fabienne Becker-Stoll in der Reihe „Wertvolle Kinder“: Babys brauchen Sicherheit durch Bindung, um Urvertrauen zu entwickeln.

Das Baby im Kinderwagen brabbelt vor sich hin und sucht den Blick seiner Mutter, die – das Handy am Ohr – die Welt um sich herum inklusive ihren Säugling kaum wahrnimmt. Aus dem Brabbeln wird Schreien, das sich herzzerreißend steigert. Szenenwechsel zum Spielplatz: Ins Smartphone vertiefte Erwachsene bekommen nur wenig von dem mit, was die Kleinen grad so anstellen. Dass Eltern heute oft mehr auf ihr Handy als auf ihr Kind achten, zeigt auch eine neueste Studie des österreichischen Kuratoriums für Verkehrssicherheit. Demnach hat sich die Zahl der Unfälle am Spielplatz bei den unter Zehnjährigen verdoppelt, bei den unter Fünfjährigen gar verdreifacht.

Der Blick: zuversichtlich

Dabei ist das Erfahren von liebevoller Zuwendung gerade in den ersten Lebensmonaten- und -jahren von entscheidender Bedeutung. „Eltern müssen ihre Kinder nicht in Watte packen, aber sie sind ihre sichere Basis. Sie sollten mit voller Aufmerksamkeit und feinfühlig dabei sein“, betonte die Bindungsforscherin Fabienne Becker-Stoll. Bereits zum zweiten Mal gastierte die namhafte Expertin in der Reihe „Wertvolle Kinder“ des Vorarlberger Kinderdorfs in Vorarlberg. In ihrem temporeichen und berührenden Vortrag in der zum Bersten gefüllten Halle im Vorarlberger Kinderdorf Kronhalde zeigte Becker-Stoll, wie bedeutsam es ist, von Anfang an die Bedürfnisse nach Bindung, Selbstwirksamkeit und Autonomie des Kindes zu befriedigen. Denn die Eltern-Kind-Bindung in dieser frühen Phase stellt die Weichen dafür, ob das Kind der Welt mit Zuversicht oder Misstrauen begegnet.

Kinder brauchen sicheres Basislager

Babys erwerben Urvertrauen, indem sie eine sichere Bindung zu einer Person aufbauen, die sich dauerhaft und einfühlsam um sie kümmert. Diese Bindung ist Voraussetzung für das Explorationsverhalten des Kindes, seine Freude am Entdecken, seine Lust am Erforschen. Anders ausgedrückt: Unsere kleinen Gipfelstürmer und Welteroberer brauchen ein verlässliches Basislager, um aufzutanken. Kinder würden, so Becker-Stoll, ihre Bindungsperson abgöttisch lieben. „Beschütze mich, tröste mich, freue dich mit mir, hilf mir, meine Gefühle zu ordnen“ – dies sei es, was sich kleine Kinder von ihren primären Bezugspersonen erwarten. Stress, vor allem emotionaler Stress z. B. aufgrund von Beziehungsproblemen, sei „der größte Feinfühligkeitskiller“ und würde es schwierig machen, Kinder mit achtsamer Zuwendung zu begleiten.

Babys müssen schreien

Feinfühligkeit bedeutet, dass prompt und angemessen auf die Signale des Babys reagiert wird. Diese Signale sind in den ersten Wochen in der Hauptsache Schreien. „Ein Säugling kann nur Schreien, um Bindung herzustellen “, so Becker-Stoll. „Schreien ist unglaublich wichtig, auch wenn es Eltern manchmal zur Verzweiflung bringt.“ Von Schreien-Lassen, exakt eingehaltenen Stillintervallen und Ratgebern à la „Jedes Kind kann schlafen lernen“ hält die Leiterin des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München wenig. „Lassen Sie die Finger davon. Körperkontakt ist das einzige, was wirklich hilft.“ Auch beim Schlafen seien Nähe und Geborgenheit „ganz wichtig – besonders, wenn Eltern viel arbeiten müssen“. Die Psychologin empfiehlt „Co-Sleeping“ statt Durchschlaftrainings z. B. mit einem Baby-Beibettchen. Vor allem aber meint sie: Genießen Sie diese erste Zeit mit Ihrem Kind! Sei dies ganz und gar nicht möglich und das Muttersein in den ersten Monaten nicht von positiven Gefühlen begleitet, sollte man sich laut Fabienne Becker-Stoll dringend Hilfe holen.

Babys zu großer Trauer fähig

Auch die außerhäusliche Betreuung kam zur Sprache. „Keine Kita im ersten Lebensjahr des Kindes“, rät die Expertin. Bei einer mehr als halbtägigen Betreuung in dieser frühen Lebenszeit durch eine Tagesmutter müsse klar sein, dass das Kind eine Bindung zur Tagesmutter aufbaut. „Eine solche Betreuung braucht eine Langzeitperspektive. Werde eine Bindung gekappt, die sich in den ersten Jahren zu einer vertrauten Person entwickelt hat, sei dies mit großem seelischem Leid verbunden. Und zwar auch für Babys, die schon zu großer Trauer fähig seien.

Geschwister-Bindung

Von einer Kinderkrippe würden Kinder ab dem zweiten Lebensjahr vor allem durch den Kontakt mit Gleichaltrigen profitieren. Geschwister oder Zwillinge in verschiedenen Gruppen oder Einrichtungen betreuen zu lassen, hält Fabienne Becker-Stoll nicht für ratsam. „Zwillinge sind sehr stark aneinander gebunden. Ich halte gar nichts von einer Trennung, bis die Kinder das selber wollen.“

Autorin:

Studie des Kuratoriums für Verkehrssicherheit: Zahl der Unfälle auf Spielplätzen gestiegen

Die Vortragsreihe „Wertvolle Kinder“ des Vorarlberger Kinderdorfs wird gemeinsam mit dem ORF Vorarlberg und Russmedia durchgeführt und vorwiegend vom Land Vorarlberg/Fachbereich Kinder und Jugend finanziert. Sämtliche Vorträge können in der Vokithek des Vorarlberger Kinderdorfs nachgehört werden.

Der nächste Vortrag der Reihe: 13. Juni 2018, 20 Uhr, ORF-Landesstudio Vorarlberg: „Selbstverletzendes Verhalten bei Kindern und Jugendlichen“,  Prof. Dr. Romuald Brunner

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